Persönliche Lese- tipps
Hans Hamedinger empfiehlt:
Der Tunnel von Ernesto Sabato
Sabato ist eine Wiederentdeckung wert – gerade heute!
Der Argentinier Ernesto Sábato war in seinem 100-jährigen Dasein (er lebte von 1911 bis 2011) vielseitig tätig, war zunächst Physiker, in späten Jahren Maler, dazwischen bereicherte er die lateinamerikanische Literatur mit drei Romanen, wovon "Der Tunnel" der erste ist.
Tunnel und unterirdische Gänge als Metaphern dafür, dass die mühsam aufrechterhaltene Ordnung immer schon untergraben ist, spielen in allen drei Romanen eine wichtige Rolle.
Den Höhepunkt und Abschluss bildet "Abaddon", in dem sich der Engel des Abgunds ankündigt, in dem die Innenwelt des Autors sowie die gesamte Menscheit dem Kollaps entgegentaumeln.
Fazit: Sabato ist eine Wiederentdeckung wert – gerade heute!
Jaqueline Brabec empfiehlt:
Der neue SPIEGEL-Bestseller: Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pasta und Limoncello von Melanie Pignitter
Ein Feel Good-Buch, welches einem ein tolles Gefühl beschert.
Lena ist eine Frau, wie viele sie kennen: engagiert, stark, zuverlässig – aber ständig am Limit. Als Mutter mit Vollzeitjob und Dauerleistende jongliert sie Tag für Tag ein Leben voller To-Dos. Immer mit dem Gefühl: Nur wenn sie perfekt ist und ständig etwas leistet, ist sie auch wertvoll. Als ihr Körper die Reißleine zieht, schickt das Leben sie auf eine Reise.
Widerwillig steigt sie in den alten Bulli namens Berta und fährt los Richtung Italien. Zwischen Pannen, Pasta und unerwarteten Begegnungen wird aus einem durchgeplanten Trip ein Sommer voller Überraschungen. Lena beginnt zu begreifen: Sie muss nichts leisten, um liebenswert zu sein. Sie ist keine Last - sondern ein Geschenk!
Eine heilsame Geschichte für alle, die oft zu viel geben – und sich selbst endlich wiederfinden wollen.
Fazit: Melanie Pignitter hat mit ihrem zweiten Band wieder voll ins Schwarze getroffen. Ich habe mich in so vielen Passagen wiedergefunden. Ein Feel Good-Buch, welches einem ein tolles Gefühl beschert.
Philipp Schlaffer empfiehlt:
Herzfluch von Andreas Gruber
Gruber in Bestform!
Die Wiener Privatdetektivin Elena Gerink ist auf der Suche nach einem zu Unrecht freigesprochenen Mörder, der sich vor fünfzehn Jahren ins Ausland abgesetzt hat. Nach schwierigen Recherchen führt sie der Fall schließlich nach Griechenland. Dorthin sind auch Elenas Mann Peter und sein Kollege Dino Scatozza unterwegs – beides Entführungsspezialisten des österreichischen BKA.
Unter Zeitdruck versuchen sie eine vermisste junge Urlauberin zu finden, die zuletzt auf einer Party der Athener High-Society gesichtet wurde. Als sich die Spuren beider Fälle auf einer kleinen griechischen Privatinsel kreuzen, ermitteln Elena, Peter und Dino dort gemeinsam weiter … und werden in die düstere Vergangenheit der Insel hineingezogen.
Fazit: Die Story ist wie ein griechischer Wein. Er geht gut runter, sorgt aber am nächsten Morgen für ein flaues Gefühl (vor Spannung). Die Mischung aus Urlaubsfee
Hans Hamedinger empfiehlt:
Schleifen von Elias Hirschl
Hirschl hat mit diesem Buch eine neue Ebene der Schreibkunst erklommen.
Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In Otto Mandl, einem genialen Mathematiker, findet die junge Franziska ihren Seelenverwandten. Sie lernt, sich mit Wörtern aus toten Sprachen gegen ihr Leiden zu immunisieren.
Die beiden entwickeln eine absolute Sprachbesessenheit und forschen fortan und bis an alle denkbaren Grenzen gemeinsam nach der perfekten Sprache.
»Schleifen« ist ein großer, ein kluger Roman über die Macht und den Einfluss von Sprache auf unser Leben, der richtig Spaß macht beim Lesen. Immer wieder stellt sich bei Elias Hirschl das schier Unglaubliche als wahr heraus, und der Rest ist extrem gut erfunden.
Fazit: Die Menschheit mittels Sprache in eine höhere Seinsebene überführen? Ein menschlich-allzumenschlicher Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist, auch wenn sich Kapazitäten wie Wittgenstein, Gödel oder Schlick damit beschäftigen. Und ein höchst amüsantes Unterfangen, wenn Elias Hirschl einen Roman daraus macht. Ernüchternd für die Geistesgrößen, dass ihre Geschichte und die Geschichte überhaupt in Schleifen verläuft ... Hirschl hat mit diesem Buch eine neue Ebene der Schreibkunst erklommen. Große Empfehlung!
Jaqueline Brabec empfiehlt:
Botanik des Wahnsinns von Leon Engler
Dieses Buch sprüht vor leisen, subtilen und doch so starken Momenten.
Als bei der Zwangsräumung der Wohnung seiner Mutter durch eine Verwechslung alles von Wert in die Müllverbrennungsanlage wandert, bleibt dem Erzähler wortwörtlich nur der Abfall der eigenen Familiengeschichte. Wie hat es so weit kommen können? Der Erzähler blickt auf die Biografie seiner Familie: ein Stammbaum des Wahnsinns.
Die Großmutter bipolar, zwölf Suizidversuche, der Großvater Stammkunde in Steinhof, die Mutter Alkoholikerin, der Vater depressiv. Und er blickt auf seinen eigenen Weg: Eine Kindheit im Münchner Arbeiterviertel. Die frühe Angst, verrückt zu werden. Die Flucht vor der Familie ins entfernte New York. Jahre in Wien mit Freud im Kaffeehaus. Und wie er schließlich doch in der Anstalt landet – als Psychologe. Bei der Arbeit mit den Patienten lernt er, dass ein Mensch immer mehr ist als seine Krankheit, dass Zuhören wichtiger ist als Diagnostizieren. Vor allem aber muss er sich bald die Frage stellen, was das sein soll: ein normaler Mensch.
Eine aus dem Ruder gelaufene Familienanamnese? Ein Schelmenroman? Ein Lehrstück in Empathie? Leon Englers Debüt ist all das und mehr, ein zärtlicher Befreiungsschlag, die Geschichte einer Versöhnung.
Fazit: Leon Engler hat mit seinem Debütroman ein so tröstliches Buch geschrieben. Dieses Buch sprüht vor leisen, subtilen und doch so starken Momenten. Ich fand mich in sehr vielen Passagen wieder und konnte durch diese Lektüre entspannter und versöhnlicher auf meine Familiengeschichte blicken!
Philipp Schlaffer empfiehlt:
Sonnenwende - Die hellste Nacht. Deine dunkelste Stunde von Ulrike Gerold; Wolfram Hänel
Ein atmosphärischer Thriller.
Ein kleiner Ort in den Alpen. Jeden Sommer wird hier die Sonnenwende mit Johannisfeuern und Flammenketten entlang der Bergkämme gefeiert. Das zieht Touristen, Alt-Hippies und Esoteriker an, und auch die Tatsache, dass vor zwei Jahren eine junge Frau in den Flammen ums Leben gekommen ist, schreckt niemanden ab.
Kurz vor der diesjährigen Sommersonnenwende geht eine anonyme Warnung bei der Polizei ein: Es wird wieder jemand brennen. In einem Wettlauf gegen die Zeit ermittelt die Polizistin Hannah am Mittsommertag, was es mit der Drohung auf sich hat - und stößt auf einen abgelegenen Hof, verschwundene Frauen und ein dunkles Familiengeheimnis.
Ein atmosphärischer Thriller des erfolgreichen Autorenduos Ulrike Gerold und Wolfram Hänel.
Fazit: Schreibstil ist flüssig und lebhaft. Die Szenerie eines kleinen Alpendorfs wird perfekt aufgegriffen und nebenbei wird noch Fachwissen über den Brauch des Sonnwendfeuers vermittelt.
Hans Hamedinger empfiehlt:
Lázár von Nelio Biedermann
Ein Leseerlebnis!
Alles beginnt, sogar das Ende, als Lajos von Lázár, das blonde Kind mit den wasserblauen Augen, zur Welt kommt. Seinem Vater, dem Baron, wird der Sohn nie geheuer sein, als ob er dessen Geheimnis ahnte. Mit Lajos’ Geburt im Waldschloss bricht auch das 20. Jahrhundert an, das das alte Leben der Barone Lázár im südlichen Ungarn für immer verändern wird.
Der Untergang des Habsburgerreichs berührt erst nur ihre Traditionen, aber alle spüren das Beben der Zeit, die schöne Mária ebenso wie der geisterhafte Onkel Imre. Als Lajos in den zwanziger Jahren sein Erbe antritt, scheint der alte Glanz noch einmal aufzublühen. Doch die Kinder Eva und Pista – der das Dunkle so liebt – müssen erleben, wie totalitäre Zeiten ihre wuchtigen Schatten werfen – und lernen, gegen sie zu bestehen.
Ein Roman wie eine Welt, die überwältigende Saga einer Familie, getrieben von der Liebe und der Sehnsucht nach ihr, in den Strudeln des 20. Jahrhunderts. Fesselnd und berührend, zugleich voller Leichtigkeit, voller Träume und Geheimnisse, in denen sich die ganze Tragik und Schönheit der Existenz spiegelt. Und – ob angesichts historischer Katastrophen oder schöner Sommertage – die ewige Frage, wie man leben soll.
Fazit: Der erst 22-jährige Nelio Biedermann hat mit seinem Debütroman einiges an Aufsehen erregt. Er erzählt die Familiengeschichte seiner ungarischen landadeligen Vorfahren mit einer delikaten Mischung aus García Márquez und Arthur Schnitzler. Selten wurde der "Verfall einer Familie" ästhetischer erzählt, Vergleiche mit Thomas Mann kann ich jedoch nicht nachempfinden. Jedenfalls ein Leseerlebnis!
Jaqueline Brabec empfiehlt:
All das Blaue vom Himmel von Mélissa Da Costa
Nehmen Sie sich Zeit für diese besondere Geschichte.
»Begleitung für letzte Reise gesucht.« Diese Anzeige gibt der 26-jährige Emile auf, als er eine unheilbare Diagnose bekommt. Seine letzten Monate möchte er nicht in Krankenhäusern verbringen, sondern in der Natur und in Freiheit. Zu seinem eigenen Erstaunen meldet sich Joanne auf seine Anzeige.
Über ihre Gründe schweigt die junge Frau mit dem schwarzen Hut und nur einem Rucksack als Gepäck. Und so steigen beide in Emiles alten Caravan und fahren los. Es beginnt eine verblüffend schöne Reise, durch das mystische Gebirgsmassiv der Pyrenäen - eine Reise zu sich selbst, zu den Wurzeln des eigenen Schmerzes, aber auch eine Reise zur eigenen Kraft und zur eigenen Hoffnung.
Eine einfühlsame und zutiefst berührende Geschichte darüber, wie uns die Natur und die Stille dabei helfen, zu uns selbst zu finden und zu heilen. Dieser Roman katapultierte Mélissa Da Costa aus dem Selfpublishing in die erste Riege der erfolgreichsten Autor*innen Frankreichs.
Fazit: Nehmen Sie sich Zeit für diese besondere Geschichte. Lassen Sie sich treiben, lachen Sie mit Joanne und Emile, weinen Sie mit ihnen – und nehmen Sie vielleicht auch die eine oder andere Erkenntnis mit auf den Weg. Taschentücher bereithalten und sich überraschen lassen!
Philipp Schlaffer empfiehlt:
Dunkles Netz von Andreas Franz; Daniel Holbe
Spannend vom Anfang bis zum Ende.
Der 25. Krimi um die toughe und kompromisslose Frankfurter Kommissarin Julia Durant nimmt es mit den abgründigsten Seiten des Verbrechens auf und bringt Durant an ihre Grenzen. Ein Mordfall gibt Julia Durant Rätsel auf: Das Opfer, ein Naturforscher, scheint eine buchstäblich weiße Weste zu haben.
Auffällig nur: In seiner Wohnung fehlt ein Großteil seines technischen Equipments. Hat er vielleicht einen Einbrecher überrascht?
Fazit: Das Thema ist hochaktuell - immer mehr Straftaten haben einen Cyber-Hintergrund. Der Schreibstil ist sehr gut und flüssig lesbar. Es bleibt spannend vom Anfang bis zum Ende.
Hans Hamedinger empfiehlt:
Arturos Insel von Elsa Morante
Voller Poesie und ungeschminkter psychologischer Wahrheiten.
Elsa Morante hat nicht nur, wie die »Neue Zürcher Zeitung« schrieb, »durch Arturo die Weltliteratur um eine der schönsten Knabengestalten bereichert«, sondern es gelang ihr auch, ein fast vergessenes Italien in farbenprächtigen Bildern festzuhalten. Arturo, der rückblickend seine Kindheitserinnerungen erzählt, wird nicht müde, die Schönheiten seiner Insel Procida zu schildern: ein Paradies, wo der Knabe mutterlos und unbewacht aufwächst, barfuß, mit wirrem Haar, beinahe wie ein wildes Tier über die Insel streifend, im Wasser genauso zu Hause wie auf dem Land.
Eines Tages bringt die Fähre eine junge Stiefmutter ins Haus. In der Furcht, den ohnehin kaum gegenwärtigen Vater zu verlieren, überzieht Arturo das ängstliche, unselbständige Mädchen mit Spott – bis er plötzlich begreift, dass das Unmögliche geschehen ist: Er hat sich in Nunziata verliebt ...
Fazit: Elsa Morantes Buch erzählt die Geschichte eines 15-jährigen Halbwaisen auf der Insel Procida vor Neapel, der sich in seine nur zwei Jahre ältere Stiefmutter verliebt. Voller Poesie, bezogen auf die damals noch ursprüngliche Insel, aber auch voller ungeschminkter psychologischer Wahrheiten.











