Persönliche Lese- tipps
Hans Hamedinger empfiehlt:
Lázár von Nelio Biedermann
Ein Leseerlebnis!
Alles beginnt, sogar das Ende, als Lajos von Lázár, das blonde Kind mit den wasserblauen Augen, zur Welt kommt. Seinem Vater, dem Baron, wird der Sohn nie geheuer sein, als ob er dessen Geheimnis ahnte. Mit Lajos’ Geburt im Waldschloss bricht auch das 20. Jahrhundert an, das das alte Leben der Barone Lázár im südlichen Ungarn für immer verändern wird.
Der Untergang des Habsburgerreichs berührt erst nur ihre Traditionen, aber alle spüren das Beben der Zeit, die schöne Mária ebenso wie der geisterhafte Onkel Imre. Als Lajos in den zwanziger Jahren sein Erbe antritt, scheint der alte Glanz noch einmal aufzublühen. Doch die Kinder Eva und Pista – der das Dunkle so liebt – müssen erleben, wie totalitäre Zeiten ihre wuchtigen Schatten werfen – und lernen, gegen sie zu bestehen.
Ein Roman wie eine Welt, die überwältigende Saga einer Familie, getrieben von der Liebe und der Sehnsucht nach ihr, in den Strudeln des 20. Jahrhunderts. Fesselnd und berührend, zugleich voller Leichtigkeit, voller Träume und Geheimnisse, in denen sich die ganze Tragik und Schönheit der Existenz spiegelt. Und – ob angesichts historischer Katastrophen oder schöner Sommertage – die ewige Frage, wie man leben soll.
Fazit: Der erst 22-jährige Nelio Biedermann hat mit seinem Debütroman einiges an Aufsehen erregt. Er erzählt die Familiengeschichte seiner ungarischen landadeligen Vorfahren mit einer delikaten Mischung aus García Márquez und Arthur Schnitzler. Selten wurde der "Verfall einer Familie" ästhetischer erzählt, Vergleiche mit Thomas Mann kann ich jedoch nicht nachempfinden. Jedenfalls ein Leseerlebnis!
Jaqueline Brabec empfiehlt:
All das Blaue vom Himmel von Mélissa Da Costa
Nehmen Sie sich Zeit für diese besondere Geschichte.
»Begleitung für letzte Reise gesucht.« Diese Anzeige gibt der 26-jährige Emile auf, als er eine unheilbare Diagnose bekommt. Seine letzten Monate möchte er nicht in Krankenhäusern verbringen, sondern in der Natur und in Freiheit. Zu seinem eigenen Erstaunen meldet sich Joanne auf seine Anzeige.
Über ihre Gründe schweigt die junge Frau mit dem schwarzen Hut und nur einem Rucksack als Gepäck. Und so steigen beide in Emiles alten Caravan und fahren los. Es beginnt eine verblüffend schöne Reise, durch das mystische Gebirgsmassiv der Pyrenäen - eine Reise zu sich selbst, zu den Wurzeln des eigenen Schmerzes, aber auch eine Reise zur eigenen Kraft und zur eigenen Hoffnung.
Eine einfühlsame und zutiefst berührende Geschichte darüber, wie uns die Natur und die Stille dabei helfen, zu uns selbst zu finden und zu heilen. Dieser Roman katapultierte Mélissa Da Costa aus dem Selfpublishing in die erste Riege der erfolgreichsten Autor*innen Frankreichs.
Fazit: Nehmen Sie sich Zeit für diese besondere Geschichte. Lassen Sie sich treiben, lachen Sie mit Joanne und Emile, weinen Sie mit ihnen – und nehmen Sie vielleicht auch die eine oder andere Erkenntnis mit auf den Weg. Taschentücher bereithalten und sich überraschen lassen!
Philipp Schlaffer empfiehlt:
Dunkles Netz von Andreas Franz; Daniel Holbe
Spannend vom Anfang bis zum Ende.
Der 25. Krimi um die toughe und kompromisslose Frankfurter Kommissarin Julia Durant nimmt es mit den abgründigsten Seiten des Verbrechens auf und bringt Durant an ihre Grenzen. Ein Mordfall gibt Julia Durant Rätsel auf: Das Opfer, ein Naturforscher, scheint eine buchstäblich weiße Weste zu haben.
Auffällig nur: In seiner Wohnung fehlt ein Großteil seines technischen Equipments. Hat er vielleicht einen Einbrecher überrascht?
Fazit: Das Thema ist hochaktuell - immer mehr Straftaten haben einen Cyber-Hintergrund. Der Schreibstil ist sehr gut und flüssig lesbar. Es bleibt spannend vom Anfang bis zum Ende.
Hans Hamedinger empfiehlt:
Arturos Insel von Elsa Morante
Voller Poesie und ungeschminkter psychologischer Wahrheiten.
Elsa Morante hat nicht nur, wie die »Neue Zürcher Zeitung« schrieb, »durch Arturo die Weltliteratur um eine der schönsten Knabengestalten bereichert«, sondern es gelang ihr auch, ein fast vergessenes Italien in farbenprächtigen Bildern festzuhalten. Arturo, der rückblickend seine Kindheitserinnerungen erzählt, wird nicht müde, die Schönheiten seiner Insel Procida zu schildern: ein Paradies, wo der Knabe mutterlos und unbewacht aufwächst, barfuß, mit wirrem Haar, beinahe wie ein wildes Tier über die Insel streifend, im Wasser genauso zu Hause wie auf dem Land.
Eines Tages bringt die Fähre eine junge Stiefmutter ins Haus. In der Furcht, den ohnehin kaum gegenwärtigen Vater zu verlieren, überzieht Arturo das ängstliche, unselbständige Mädchen mit Spott – bis er plötzlich begreift, dass das Unmögliche geschehen ist: Er hat sich in Nunziata verliebt ...
Fazit: Elsa Morantes Buch erzählt die Geschichte eines 15-jährigen Halbwaisen auf der Insel Procida vor Neapel, der sich in seine nur zwei Jahre ältere Stiefmutter verliebt. Voller Poesie, bezogen auf die damals noch ursprüngliche Insel, aber auch voller ungeschminkter psychologischer Wahrheiten.
Jaqueline Brabec empfiehlt:
Schattengrünes Tal von Kristina Hauff
Eine absolute Leseempfehlung!
Mitten im Schwarzwald liegt das Hotel »Zum alten Forsthaus«, das seine besten Tage längst hinter sich hat. Nur wenige Gäste verirren sich in das zunehmend verfallende Haus. Umso überraschender, dass sich Daniela, eine schutzbedürftig wirkende Fremde, dauerhaft einquartiert. Lisa, die erwachsene Tochter des Besitzers, nimmt sich ihrer an.
Während Daniela aufblüht und sich schnell in die Dorfgemeinschaft eingliedert, wenden sich enge Vertraute von Lisa ab – zuletzt sogar ihr Ehemann. Als schließlich der Herbst Einzug hält, die Tage kälter und die Schatten im grünen Tal immer dunkler werden, beginnt Lisa zu ahnen, dass ihre Welt auseinanderzubrechen droht.
Fazit: Tiefsinnig, mit scharfem Blick und psychologischer Raffinesse! Eine absolute Leseempfehlung!
Philipp Schlaffer empfiehlt:
Die Wölfe unter uns von Tim Sünderhauf
Ein düsterer, historischer Roman vor dem Hintergrund des 30-jährigen Krieges.
Fichtelgebirge, 1630. Die calvinistische Familie des jungen Johann versucht, sich eine neue Existenz in einem entlegenen Dorf aufzubauen. Unterdessen grübelt der Junge über das Schicksal der Kinder des Ortes. Wer oder was hat zwei von ihnen getötet und wohin sind alle anderen verschwunden? War es der legendenumwobene »Wilde Jäger« – ein Wolfsmann, der im dicht bewaldeten Gebirge sein Unwesen treiben soll? Parallel trifft der wortkarge Wildhüter Hildner ein – ein roher Ex-Söldner, vom Markgrafen entsandt, um für Ruhe in der Gegend zu sorgen.
Ein düsterer, historischer Roman vor dem Hintergrund des 30-jährigen Krieges. Ruhig, aber nicht minder spannend!
Hans Hamedinger empfiehlt:
Der Leopard von Giuseppe Tomasi di Lampedusa
Sensibel-sinnlich-klug: DER Roman Siziliens bis heute.
Niedergang einer Adelsfamilie: der moderne Klassiker in neuer Übersetzung. »Der Leopard« gehört schon bald nach seinem Erscheinen 1958 zur Weltliteratur. Inspiriert von der eigenen Familiengeschichte, gelingt Giuseppe Tomasi di Lampedusa der größte Italienroman unserer Zeit und eine schillernde Hommage an das Europa des 19.
Jahrhunderts. Mit melancholischer Ironie schildert er den Niedergang des sizilianischen Adelsgeschlechts um Don Fabrizio, Fürst Salina. Der Fürst sieht die alte Ordnung der italienischen Gesellschaft in Gefahr: Tancredi, sein Neffe und Ziehsohn, heiratet die verführerische, aber bürgerliche Angelica – das Ende der Feudalherrschaft kündigt sich an.
Sensibel-sinnlich-klug: DER Roman Siziliens bis heute. Tomasi di Lampedusas "Der Leopard" ist unsterblich!
Jaqueline Brabec empfiehlt:
Das Gefühl von Unendlichkeit von Austin Taylor
Ein vielschichtiger, herausfordernder Roman.
Es fühlt sich an wie ein Urknall, als Zoe im Vorlesungssaal von Harvard auf den charismatischen Jack trifft. Von einer Sekunde auf die andere verändert sich alles, Zoe ist wie elektrisiert, wenn sie zusammen sind. Tagsüber führen sie einen spielerischen Wettkampf um die Anerkennung ihrer Professoren, nachts diskutieren sie in tiefgehenden Gesprächen ihre Ideen und Träume.
Schnell entwickeln sie Gefühle füreinander. Als sie eine Entdeckung machen, die nicht nur die Welt der Chemie, sondern auch das ganze Land in Aufruhr versetzt, werden Zoe und Jack von einer Welle aus Anerkennung und Erfolg mitgerissen.
Ein vielschichtiger, herausfordernder Roman über Ehrgeiz, Verantwortung und die Frage, wie weit man für seine Träume gehen darf. LIKE!
Philipp Schlaffer empfiehlt:
Die Nacht von Marc Raabe
Die spannende Fortsetzung der ersten beiden Bände.
Ein kleiner Junge verschwindet. Doch der Fall taucht in keiner Akte auf. Fünfzehn Jahre später verschwindet Dana Karasch, seine ältere Schwester. Doch auch für sie scheint sich niemand zu interessieren. Bis auf Art Mayer. Denn der ruppige BKA-Ermittler hat Danas kleine Tochter Milla, die in der Etage unter ihm wohnt, ins Herz geschlossen.
Als Art einen mächtigen Freund um Hilfe bittet, stößt er in ein Wespennest. Ein anonymer Hinweis führt ihn und Nele Tschaikowski zu einer verlassenen Wohnwagensiedlung im Wald, fernab der Zivilisation. Dort finden sie mehrere namenlose Tote – und den aufgeschlitzten Körper eines angesehenen Berliner Richters.
Die spannende Fortsetzung der ersten beiden Bände.
Die detaillierte Beschreibung der Schauplätze lässt die Geschichte sehr lebendig wirken. Der geschickte Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart hält die Spannung hoch.
Jaqueline Brabec empfiehlt:
Blue Sisters von Coco Mellors
Mein Buchtipp für den Sommer
Die Geschichte dreier Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Nach dem Tod ihrer Schwester versucht jede für sich, das Leben wieder in den Griff zu bekommen. Wären da nicht die vielen Wunden, die jede für einzelne mit sich trägt.
Ein für mich so persönliches, trauriges und tiefblickendes Buch.
Selten werden die seelischen Wunden und der Verlust eines Menschen so gut beschrieben, wie in diesem Buch. Radikal, laut und ehrlich!











