Persönliche Lese- tipps
Hans empfiehlt:
Das Karussell von Hans-Ulrich Treichel
Eine unprätentiös erzählte Tragödie in der Nachfolge Tschechows
Bernhard ist siebzig, geschieden, kinderlos, und seit er im Ruhestand ist, fehlt ihm etwas: eine neue Beziehung, ein Hobby oder vielleicht doch ein Ehrenamt? Nichts will sich so recht fügen. Doch dann erreicht ihn eine Einladung nach Salerno – jenen Ort an der italienischen Küste, an dem er vor Jahrzehnten einige Monate gelebt hat und der damals ein Versprechen auf ein anderes Leben war.
Dort wartet jetzt Alfredo auf ihn, Betreiber eines Strandbades und einst sein Vermieter. Und das Karussell, das Alfredo vor der Verschrottung gerettet hat und das er immer schon in Betrieb nehmen wollte. Mit Hilfe von Arianna, einer Ingenieurin, die für Bernhard womöglich mehr als nur eine Freundin war und die er nun endlich noch einmal zu treffen hofft. Er macht sich auf eine Reise zurück an jenen Ort, an dem noch Fragen offen sind.
Fazit: Hatte er die letzten Jahre vertrödelt oder verbummelt? Die guten letzten Jahre? Einem geschiedenen Mann, Ende 60, tun sich unerwartet neue gesellige Möglichkeiten in Italien auf. Hoffnungen steigen hoch, Möglichkeiten tun sich auf. Doch was, wenn sich alles als trügerisch erweist? Dann wird die Einsamkeit stärker sein als jemals zuvor. Eine unprätentiös erzählte Tragödie in der Nachfolge Tschechows − das ist Treichels neuer Roman "Das Karussell".
Im ersten Licht von Norbert Gstrein
Das Buch der Stunde
Norbert Gstrein schenkt uns ein ganzes Menschenleben. Dabei ist jedes Leben zerbrechlich in diesem Roman, der mit einem Axthieb beginnt: Adrians Vater macht ihn als Jugendlichen untauglich für den Ersten Weltkrieg, rettet ihn so vielleicht. Der störrische, zärtliche Mensch, der von da an durch über achtzig Lebensjahre hinkt, ist das Wunder dieses Erzählens.
Adrian sieht zweimal seine Welt untergehen, hat zweimal mit jungen Männern zu tun, die weniger Glück hatten als er, und erlebt im Alter die unverhoffte Liebesgeschichte eines Mannes, der zu allem erzogen wurde, bloß nicht zum Lieben. Wie leben im Schatten der Kriege und des Tötens? Mit einem furchtlosen Blick in die Vergangenheit stellt sich »Im ersten Licht« dieser großen Frage der Gegenwart.
Fazit: "Im ersten Licht" ist ein Antikriegsbuch und gleichzeitig ein Roman über die Verletzungen eines ganzen Lebens. Grausame Verstümmelungen, Lügen und Massenwahn sind unter anderem Thema des Buches. Und am schlimmsten sind die dran, die erkennen müssen, dass sie sogar Herz und Seele verloren haben. Das Buch der Stunde.
Der Tunnel von Ernesto Sabato
Sabato ist eine Wiederentdeckung wert – gerade heute!
Der Argentinier Ernesto Sábato war in seinem 100-jährigen Dasein (er lebte von 1911 bis 2011) vielseitig tätig, war zunächst Physiker, in späten Jahren Maler, dazwischen bereicherte er die lateinamerikanische Literatur mit drei Romanen, wovon "Der Tunnel" der erste ist.
Tunnel und unterirdische Gänge als Metaphern dafür, dass die mühsam aufrechterhaltene Ordnung immer schon untergraben ist, spielen in allen drei Romanen eine wichtige Rolle.
Den Höhepunkt und Abschluss bildet "Abaddon", in dem sich der Engel des Abgunds ankündigt, in dem die Innenwelt des Autors sowie die gesamte Menscheit dem Kollaps entgegentaumeln.
Fazit: Sabato ist eine Wiederentdeckung wert – gerade heute!
Schleifen von Elias Hirschl
Hirschl hat mit diesem Buch eine neue Ebene der Schreibkunst erklommen.
Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In Otto Mandl, einem genialen Mathematiker, findet die junge Franziska ihren Seelenverwandten. Sie lernt, sich mit Wörtern aus toten Sprachen gegen ihr Leiden zu immunisieren.
Die beiden entwickeln eine absolute Sprachbesessenheit und forschen fortan und bis an alle denkbaren Grenzen gemeinsam nach der perfekten Sprache.
»Schleifen« ist ein großer, ein kluger Roman über die Macht und den Einfluss von Sprache auf unser Leben, der richtig Spaß macht beim Lesen. Immer wieder stellt sich bei Elias Hirschl das schier Unglaubliche als wahr heraus, und der Rest ist extrem gut erfunden.
Fazit: Die Menschheit mittels Sprache in eine höhere Seinsebene überführen? Ein menschlich-allzumenschlicher Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist, auch wenn sich Kapazitäten wie Wittgenstein, Gödel oder Schlick damit beschäftigen. Und ein höchst amüsantes Unterfangen, wenn Elias Hirschl einen Roman daraus macht. Ernüchternd für die Geistesgrößen, dass ihre Geschichte und die Geschichte überhaupt in Schleifen verläuft ... Hirschl hat mit diesem Buch eine neue Ebene der Schreibkunst erklommen. Große Empfehlung!
Lázár von Biedermann Nelio
Ein Leseerlebnis!
Alles beginnt, sogar das Ende, als Lajos von Lázár, das blonde Kind mit den wasserblauen Augen, zur Welt kommt. Seinem Vater, dem Baron, wird der Sohn nie geheuer sein, als ob er dessen Geheimnis ahnte. Mit Lajos’ Geburt im Waldschloss bricht auch das 20. Jahrhundert an, das das alte Leben der Barone Lázár im südlichen Ungarn für immer verändern wird.
Der Untergang des Habsburgerreichs berührt erst nur ihre Traditionen, aber alle spüren das Beben der Zeit, die schöne Mária ebenso wie der geisterhafte Onkel Imre. Als Lajos in den zwanziger Jahren sein Erbe antritt, scheint der alte Glanz noch einmal aufzublühen. Doch die Kinder Eva und Pista – der das Dunkle so liebt – müssen erleben, wie totalitäre Zeiten ihre wuchtigen Schatten werfen – und lernen, gegen sie zu bestehen.
Ein Roman wie eine Welt, die überwältigende Saga einer Familie, getrieben von der Liebe und der Sehnsucht nach ihr, in den Strudeln des 20. Jahrhunderts. Fesselnd und berührend, zugleich voller Leichtigkeit, voller Träume und Geheimnisse, in denen sich die ganze Tragik und Schönheit der Existenz spiegelt. Und – ob angesichts historischer Katastrophen oder schöner Sommertage – die ewige Frage, wie man leben soll.
Fazit: Der erst 22-jährige Nelio Biedermann hat mit seinem Debütroman einiges an Aufsehen erregt. Er erzählt die Familiengeschichte seiner ungarischen landadeligen Vorfahren mit einer delikaten Mischung aus García Márquez und Arthur Schnitzler. Selten wurde der "Verfall einer Familie" ästhetischer erzählt, Vergleiche mit Thomas Mann kann ich jedoch nicht nachempfinden. Jedenfalls ein Leseerlebnis!
Arturos Insel von Elsa Morante
Voller Poesie und ungeschminkter psychologischer Wahrheiten.
Elsa Morante hat nicht nur, wie die »Neue Zürcher Zeitung« schrieb, »durch Arturo die Weltliteratur um eine der schönsten Knabengestalten bereichert«, sondern es gelang ihr auch, ein fast vergessenes Italien in farbenprächtigen Bildern festzuhalten. Arturo, der rückblickend seine Kindheitserinnerungen erzählt, wird nicht müde, die Schönheiten seiner Insel Procida zu schildern: ein Paradies, wo der Knabe mutterlos und unbewacht aufwächst, barfuß, mit wirrem Haar, beinahe wie ein wildes Tier über die Insel streifend, im Wasser genauso zu Hause wie auf dem Land.
Eines Tages bringt die Fähre eine junge Stiefmutter ins Haus. In der Furcht, den ohnehin kaum gegenwärtigen Vater zu verlieren, überzieht Arturo das ängstliche, unselbständige Mädchen mit Spott – bis er plötzlich begreift, dass das Unmögliche geschehen ist: Er hat sich in Nunziata verliebt ...
Fazit: Elsa Morantes Buch erzählt die Geschichte eines 15-jährigen Halbwaisen auf der Insel Procida vor Neapel, der sich in seine nur zwei Jahre ältere Stiefmutter verliebt. Voller Poesie, bezogen auf die damals noch ursprüngliche Insel, aber auch voller ungeschminkter psychologischer Wahrheiten.
Der Leopard von Giuseppe Tomasi di Lampedusa
Sensibel-sinnlich-klug: DER Roman Siziliens bis heute.
Niedergang einer Adelsfamilie: der moderne Klassiker in neuer Übersetzung. »Der Leopard« gehört schon bald nach seinem Erscheinen 1958 zur Weltliteratur. Inspiriert von der eigenen Familiengeschichte, gelingt Giuseppe Tomasi di Lampedusa der größte Italienroman unserer Zeit und eine schillernde Hommage an das Europa des 19.
Jahrhunderts. Mit melancholischer Ironie schildert er den Niedergang des sizilianischen Adelsgeschlechts um Don Fabrizio, Fürst Salina. Der Fürst sieht die alte Ordnung der italienischen Gesellschaft in Gefahr: Tancredi, sein Neffe und Ziehsohn, heiratet die verführerische, aber bürgerliche Angelica – das Ende der Feudalherrschaft kündigt sich an.
Sensibel-sinnlich-klug: DER Roman Siziliens bis heute. Tomasi di Lampedusas "Der Leopard" ist unsterblich!








