Persönliche Lese- tipps
Ina Cassik empfiehlt:
Lichtungen von Iris Wolff
Wie werden wir zu dem, wer wir sind?
Die großartige erzählte Lebens- und Liebesgeschichte von Lev und Kato wird quasi von hinten aufgerollt: Das Buch beginnt mit einem „Ja!“ auf eine entscheidende Frage in der Gegenwart und führt kapitelweise zurück in Levs und Katos und Kindheit. Von Kindheit an verbunden, trennen sich die Wege der beidenals Heranwachsende: Lev bleibt in seiner Heimat in Siebenbürgen; Kato macht sich als junge Frau auf den Weg, verlässt ihn und ihr Dorf.
Durch diese ungewöhnliche Erzählweise wird überzeugend beschrieben, wie es zu dem Punkt gekommen ist, an dem sich die beiden zu Beginn des Romans befinden.
Eine einfühlsam erzählte Liebesgeschichte mit wunderbaren Naturbeschreibungen und einer wunderschönen literarischen Sprache vor dem Hintergrund Rumäniens, das ich allen Leser*innen von Herzen empfehlen möchte!
Ina Cassik empfiehlt:
Die Verletzlichen von Sigrid Nunez
Ein feinsinniges Plädoyer für das Zwischenmenschliche
Die Erzählerin soll in der New Yorker Wohnung einer Freundin deren Papagei hüten. Dort trifft sie auf einen jungen Mann, der sich nach einem Konflikt mit seinen Eltern ebenfalls in das Apartment zurückgezogen hat. Diese Grundkonstellation ist Anlass für kluge Alltagsbeobachtungen sowie viele elegante Reflexionen über das Leben, Lieben und Schreiben und die eigene Vergangenheit.
Ein wunderbares und tröstliches Buch über die Erkenntnis, dass uns Glück geschenkt wird, wenn wir uns für andere Menschen öffnen. Große Empfehlung!
Ina Cassik empfiehlt:
Das Philosophenschiff von Michael Köhlmeier
Erzähltes, Erfundenes und Wahrhaftiges
Die betagte Architektin Anouk Perleman-Jacob wird in Wien geehrt; der Erzähler, ein namhafter Vorarlberger Schriftsteller, ist zum Festakt eingeladen. Anouk will ihm ihre Lebensgeschichte erzählen, vor allem von ihrer Überfahrt aus Russland mit einem Schiff, auf dem Intellektuelle auf Lenins Befehl ins Exil deportiert wurden.
„Gesagt werden soll es. Und wenn es keiner glaubt, umso besser. Aber erzählt werden soll es.“
Anouks Erzählung wird zu einer Lebensbeichte, der Schriftsteller recherchiert die Hintergründe hinter dem, was Anouk preisgibt und ergänzt die Erzählung um entscheidende Details.
Ausgehend von vielen real existierenden Personen und Ereignissen schafft Michael Köhlmeier ein kluges Verwirrspiel um Wahrheit und Erfindung, um Historie und Fiktion. Äußerst lesenswert!
Regen von Ferdinand von Schirach
Regen
Eigentlich ein Theatermonolog. Die Handlung ist simpel. Ein Mann flüchtet vor dem Regen in eine Bar. Dort bestellt er etwas zu trinken. Dann spricht er. Wen er anspricht, bleibt ein Rätsel. Ebenso rätselhaft scheint auch der Protagonist zu sein. Er berichtet von seinem Leben als Schriftsteller. Was nicht weiter verwunderlich wäre, hätte der Mann nicht seit 17 Jahren keine Zeile mehr geschrieben.
Warum? Das gilt es herauszufinden. Das schlanke Büchlein ist keine epische Milchstraße, aber die einzelnen Sätze funkeln brillant wie ihre hellsten Sterne.
Nichts als Himmel von Peter Henisch
Nichts als Himmel
Ein Urgestein und Außenseiter der österreichischen Literatur ist 80 geworden. Beständig und munter navigiert Peter Henisch seit Jahrzehnten seinen Kahn in ruhigen Nebengewässern den Literaturfluss hinunter, meidet Strudel und Stromschnellen. In seinem neuen Roman legt er im fiktiven italienischen Dörfchen San Vito an, schildert Naturidyllen und reißt bedrängende Fragen unserer Zeit an.
Ein Muss für Peter-Henisch-Fans: Tanti auguri!
Die Wahrheiten meiner Mutter von Vigdis Hjorth
Die Wahrheiten meiner Mutter
Johanna ist eine berühmte Künstlerin, als sie von den USA in ihren Heimatort Oslo zurückkehrt. Dort überkommen sie „eingekapselte Gefühle“, denn seit 30 Jahren weiß sie so gut wie nichts von ihrer Mutter. Nun lebt sie nur einige Kilometer von ihr entfernt. Besessen vom Gedanken an sie sucht Johanna den Kontakt zu ihr.
Ein raffiniert aufgebautes Buch über Verletzungen und der Hoffnung auf Versöhnung.
Robert Renk empfiehlt:
Tausend und ein Morgen von Ilija Trojanow
Tausend und ein Morgen
Ein Meisterwerk und jetzt schon ein Klassiker der utopischen Literatur! Von einer utopisch gerechten Zukunft reisen die sogenannten Chronauten – unterstützt von KI – an historische Scharniere der Geschichte (das „Damalsdort“). Wir gelangen so unter Piraten in der Karibik, mitten in die Russische Revolution oder zu den Olympischen Winterspielen in Sarajewo 1984.
Historische Ereignisse werden nach Möglichkeiten abgeklopft und
darin liegt eine poetische und politische Dimension dieses Romans.
Ein Hund kam in die Küche von Sepp Mall
Ein Hund kam in die Küche
Gehen oder bleiben? Diese Frage mussten sich Ende der 30er Jahre viele Südtiroler stellen. Der Roman folgt dem 11-jährigen Ludi, dessen Vater sich für die „Heimkehr ins Reich“ entscheidet. Doch welche Folgen diese Entscheidung für Ludi und seinen körperlich sowie sprachlich behinderten Bruder mit sich bringen, ahnt die Familie in diesem Moment noch nicht.
Mit dichter Sprache und viel Einfühlungsvermögen beschreibt Sepp Mall in seinem neuesten Werk ein Stück Südtiroler Zeitgeschichte.
Robert Renk empfiehlt:
Die wahren Bilder sind im Kopf von Edith-Ulla Gasser
Die wahren Bilder sind im Kopf
In wunderbaren und sehr persönlichen Texten lässt die von Edith-Ulla Gasser herausgegebene Anthologie tatsächlich einzigartige Bilder im Kopf entstehen. 13 Autor*innen, von Anna Baar über Monika Helfer und Michael Köhlmeier bis zum Tiroler Hans Platzgumer, haben sich alle der Aufgabe gestellt, sehr individuelle Erzählungen zu einem bestimmten Bild zu liefern.
Die Bilder sind jeweils zu Beginn abgedruckt, somit kann man dem Text noch intensiver folgen.
«Mir geht's gut, wenn nicht heute, dann morgen.» von Dirk Stermann
«Mir geht's gut, wenn nicht heute, dann morgen.»
„Willkommen Österreich“ – wer diese Sendung am 29.November 2019 geschaut hat, weiß bereits, um wen es in Stermanns neuem Roman geht, nämlich um die in Wien geborene Psychoanalytikerin Erika Freeman. Sie
ist mit 12 Jahren vor den Nazis in die USA geflohen und wurde dort die Therapeutin der Schönen, Reichen und Mächtigen.
Man liest den neuen Roman Mir geht’s gut, wenn nicht heute, dann morgen. von Dirk Stermann
ebenso gerne wie auch seine Vorgänger.











