Persönliche Lese- tipps
Robert empfiehlt:
GRM von Sibylle Berg
GRM
„Es war die Zeit, in der zur realen Grausamkeit der Menschen noch die virtuelle hinzugefu?gt wurde.“ Bumm, der Satz sitzt. Und gibt die Richtung dieses opulenten und blitzgescheiten Romanes vor. Vier Kinder, die sich im vom Neoliberalismus zerfressenen England gegen das System auflehnen. Eine krasse Mischung zwischen Charles Dickens, Brave New World und American Psycho.
Eine Abrechnung mit YouTube, Castingshows und Konsumzwang. Ein hellsichtiges Pamphlet in Romanform. Grandios!
Biedermeiern von Livia Klingl
Biedermeiern
Der Untertitel lautet Politisch unkorrekte Betrachtungen und dass sich Livia Klingl kein Blatt vor den Mund nimmt, ist kein Geheimnis. Seit dem Wahlsieg der türkis-blauen Koalition im Oktober 2017 begleitet sie auf Facebook das österreichische Politgeschehen mit dem Projekt "Biedermeiern": tägliche Meldungen, kritisch, satirisch, menschlich und im besten Sinne politisch unkorrekt.
Von Kern bis Kickl, von Kurz bis Strache bleibt keiner vor Klingls spitzer Feder verschont. Ein kleines Buch voll großer Wahrheiten.
Kiras Version von Emil Hakl
Kiras Version
Emil Hakl ist wohl eine der eigenwilligsten Stimmen der aktuellen tschechischen Literatur. Er, der unter Pseudonym schreibt, die Schule erst nach einer 10jährigen Pause, wegen Drogenkonsums, abgeschlossen hat, legt nun mit „Kiras Version“ ein modernes Robotermärchen vor. Ein sich recht motivationsfrei durchs Leben schlängelnder Typ wird auserwählt, den Prototyp einer künstlichen Frau zu testen.
Was künstlich beginnt wird schnell all zu menschlich. Flott zu lesen!
firma von Klaus Merz
firma
Jedes Buch von Klaus Merz ist ein komprimiertes Stück Glück. Diesmal erzählt er Lebensgeschichte an Hand der Geschichte einer Firma. Weltgeschehen, wie Prager Frühling, Mauerfall, Finanzkrise oder Fußballweltmeisterschaft gespiegelt im Mikrokosmos eine Firma. „Ein Buch, das die Grundfragen unserer Existenz und unserer Gegenwartpoetisch verdichtet und Klaus Merz als einen zeigt, der in der Verletzlichkeit die menschliche Stärke sieht.
" Meint Katja Gasser vom ORF. Wie recht sie hat!
Kaffee und Zigaretten von Ferdinand von Schirach
Kaffee und Zigaretten
Das wohl persönlichste Buch des Autors. Könnte ein gemütlicher Kaffeeplausch sein. Ist es auch, und doch sehr ungemütlich. “Würde & Einsamkeit” könnt es auch heißen. Erstmals gibt es Direktes über den Großvater (Gauleiter und Reichsstadthalter von Wien) zu lesen. Die Einsamkeit aber zieht sich von Beginn an durch dieses schmale Meisterwerk.
Schirach schont sich nicht und berichtet u.a. von seinem Suizidversuch, in der Zeit, als er sich in einem Jesuiteninternat nach dem Tod des Vaters zum sterben einsam fühlte.
Wallace von Anselm Oelze
Wallace
Alfred Russel Wallace hat mit seinen Theorien die Welt auf den Kopf gestellt. Ein anderer aber erntet – mit nicht ganz fairen Mitteln, wie man aus diesem vergnüglich, lehrreichen Roman erfährt – die Lorbeeren. Die berühmte Evolutionstheorie verbinden wir nicht mit Wallace sondern mit Charles Darwin.
Ein Museumsnachtwächter wird auf das Schicksal von Wallace aufmerksam und möchte die Geschichte gerade rücken. Oelze erzählt wunderbar mit beflügelter Phantasie auf den erdigen Schwingen der wissenschaftlichen Realität.
Verzeichnis einiger Verluste von Judith Schalansky
Verzeichnis einiger Verluste
Es ist das schönste Understatement des letzten Jahres. Das erkennt man am schlichten Titel und am aufregend dezenten Äußeren. Denn Judith Schalansky schreibt nicht nur wunderbare Bücher, sie gestaltet auch die Schönsten.
Diesmal lässt sie verschwundene Dinge sprachmächtig und farbig wieder aufleben.
Der ausgestorbene Kaspischen Tiger zB wird noch einmal auflaufen und in einer römischen Arena gegen einen Löwen antreten: Das schildert Schalansky mitreißend und präzise, nicht ohne uns diese Zeit in allen Farben zu schildern.
Was wäre, wenn? von Peter Bichsel; Sieglinde Geisel
„Was wäre, wenn?“ Ein Gespräch mit Sieglinde Geisel
Der Kampa Verlag ist neu und nicht neu. Denn Verleger Daniel Kampa ist ein alter Hase. Mit der Neuausgabe sämtlicher Romane von Simenon hat er für Aufsehen gesorgt und alleine damit könnte man Jahre zubringen. Doch damit nicht genug verlegt er zB. auch Man Booker Preisträgerin Olga Tokarczuk oder den Schotten William Boyd.
Aber vor allem hat er eine wunderschöne Reihe mit Gesprächen aus der Taufe gehoben. Und mit Peter Bichsel, meinem Schweizer Liebling, ein Highlight publiziert. Unbedingt lesen!
Adrian oder: Die unzählbaren Dinge von Angelika Stallhofer
Adrian oder: Die unzählbaren Dinge
Adrian und Anna leben zusammen und beide vom Schreiben. Während Anna aber die Freiheiten eines Schriftstellerlebens genießt, ist Adrian in der Werbebranche gefangen. Gefangen durch die monatlichen Zahlungen für das Heim, in dem sein Vater wohnt, zu dem er alles andere als eine friktionsfreie Beziehung hat.
Aber auch durch den Erfolg, den er hat.
Die Werbefigur, die er erfunden hat, übersiedelt in ein vollautomatisiertes, überwachtes Haus und er weiß nicht, was unheimlicher ist. Das Haus oder seine Verwandlung.
Grenzgänger von Borrmann Mechtild
Grenzgänger
Die Autorin von "Trümmerkind" legt nach. Behutsam und unaufgeregt macht Borrmann die frühen 50er spürbar, gibt den schwarz-weiß-Bildern wieder Farbe. Es geht um die 17-jährige Henni und ihre Geschwister. Henni kommt wegen Kaffeeschmuggels in eine Besserungsanstalt, ihre Geschwister, um die sie sich nach dem Tod der Mutter gekümmert hat, müssen deswegen in ein Kinderheim.
Dort stirbt der kleine Matthias. Das Leben ist nicht gerecht, schon gar nicht in den 50ern.
Eine düstere Zeit, aufwühlend beschrieben.











