Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Doris Moser:
Das Potential der Geschichte hat die Autorin leider verschenkt.
Jessica Durlacher erspart ihrer Hauptfigur, der Journalistin Sara Silverstein, rein gar nichts: Zuerst stirbt der Vater, dann wird sie vergewaltigt, dann überfällt ein Räubertrio nächtens ihre Familie, dann verpflichtet sich der existentiell orientierungslose Sohn Mitch gegen ihren Willen zum Dienst in der US-Militär Eliteeinheit Marines, usw.
Im Hintergrund der Grund für alle Unbill: die zeitlebens unter Verschluss gehaltene Lebensgeschichte des Juden, KZ-Überlebenden und Historikers Hermann Silverstein, Vater der Ich-Erzählerin, Humanist durch und durch und unumstrittener pater familias. Das Potential der Geschichte hat die Autorin leider verschenkt: Weder ist der Roman ein guter Thriller noch eine literarische Familiengeschichte mit historischem Tiefgang. Geschwätzig, durchschaubar, oberflächlich. Es gibt besseren Lesestoff, ich empfehle Klaus Ratschiller: Kollege M (edition atelier), eine knappe, poetische Lehrerliebesgeschichte, an der kein Wort zuviel ist und jedes sitzt. Grad recht zum Schulschluss und gegen die Standardisierungs- und Dienstrechtsdebatten!
Rezensionen von Doris Moser:
Er ist wieder da von Vermes Timur
Komplett verblödet?!
Komplett verblödet?!
Der Ausgangspunkt des satirischen Romans ist ein vielfach erprobtes literarisches Gedankenspiel: die Zeitreise einer historischen Person. Frage: Was wäre, wenn Adolf Hitler quicklebendig im gegenwärtigen Berlin wiedererwachte? Antwort: Er landet beim Fernsehen und sorgt als Gastgeber einer Talkshow für Aufmerksamkeit und Quoten.
Vom Feuilleton bis zum Boulevard, jeder hält das Original für eine ziemlich gut gemachte Kopie und die Show für eine radikalsatirische Intervention eines ausgefuchsten Comedians zum Zwecke unerbittlicher Gesellschaftskritik. Die Kritikpunkte des vermeintlichen Komikers in Hitlergestalt sind geläufig: Konsumismus, Werteverlust, politische Machtspiele, EU, Euro, Arbeitslosengeld usw. usf. Argumentation und ?Lösungsvorschläge? hingegen stammen aber aus dem Fundus der nationalsozialistischen Ideologie (und Praxis!) ? und darin liegt auch das Problem.
Die ersten Kapitel sind einigermaßen gelungen, weil der Autor den gegenwärtigen Absurditäten mit einem desorientierten Ich-Erzähler (= Adolf Hitler) ein noch absurderes Subjekt zur Seite stellt. Das ist grotesk und ironisch, eine humorige Mediensatire obendrein, trägt aber nur für etwa 100 Seiten. Je leichter sich Hitler zurechtfindet, je mehr Aufmerksamkeit die deutsche Öffentlichkeit ihm entgegen bringt, desto stärker gerät die Geschichte in Schieflage, bis sie am Schluss völlig im Flachwasser verendet. Das liegt vor allem an einer verkorksten Erzähldramaturgie. Die Hitler-Figur erzählt (pathetisch bis nervig) in der Ich-Form und hat freie Hand in der Verbreitung rechtsideologischen Unfugs, weil der Autor ihm kein erzählerisches Korrektiv zur Seite stellt. Das sollen wir Leser und Leserinnen, so wohl der Plan, selbst übernehmen, am besten, das (intendierte) Lachen bleibt uns im Hals stecken. Aber dieses kommt gar nicht auf, der Text wird redundant, langweilig, ärgerlich. Es reicht halt auch für Trash-Literatur nicht, alle für komplett verblödet zu halten und sich darüber hinweg zu witzeln. Der Plot-Point am Schluss (für Lesewillige sei er an dieser Stelle verschwiegen) wirkt wie eine dramaturgische Keule, um nur ja jedem/jeder einzuhämmern, dass Hitlers heutige Armee ja eh nur aus Flachbildschirmen bestünde. Kampfuntauglich.
Rezensionen von Doris Moser:
Er ist wieder da von Vermes Timur
Ein lesenswerter Adoleszenzroman, auch für verwöhnte Jugendliche geeignet
Ein Mädchen aus Vukovar erzählt ihre Kindheit und frühe Jugend zwischen Furcht und Freude, Bangen und Hoffen. Was der Neunjährigen als Ausflug ans Meer vorgegaukelt wird, ist eine Flucht ohne Wiederkehr, eine Trennung für immer, zumindest von den ermordeten Großeltern und dem verschollen bleibenden Vater.
Nüchtern und in einfacher Sprache, fast im Stile eines Schulaufsatzes, wird der Alltag in der besetzten Wohnung, in der Flüchtlingsunterkunft usw. geschildert. Selbst Frühstücken hat unter diesen Umständen so gar nichts Banales mehr an sich. Das Mädchen, dem man nichts erzählt, muss sich das private, gesellschaftliche, später auch politische Leben irgendwie selbst erklären. Das gelingt auch, aber um welchen Preis: Gefühle finden nicht statt, sie werden nur aufgezählt wie die neuen Kleider und die Namen der neuen Freunde. Die emotionale Betäubung, die das Mädchen wie ein Kokon umgibt und ihr Überleben sichert, bricht erst auf, als sie ausbricht. Ein lesenswerter Adoleszenzroman, auch für verwöhnte Jugendliche geeignet.
Rezensionen von Doris Moser:
Der Russe ist einer, der Birken liebt von Grjasnowa Olga
..... sprachlich durchaus ansprechend........... Die Botschaft hör ich wohl, ... allein sie berührt mich nicht. Eigentlich schade
Das Private und das Politische tragen ihren ungleichen Kampf auf dem Rücken, d.h. im Leben einer jungen Frau aus. Leidvoll, denn um Glückgeht es in dem Roman nicht (auch nicht um Birken oder Russen). Traumatische Erlebnisse aus der Vergangenheit in Baku, Verlust und Vertreibung halten die junge Mascha von einem unbeschwerten Leben in ihrer neuen Heimat Deutschland ab.
Als ihr vorsichtiges Glück in Gestalt von Elias an den Folgen einer Verletzung (beim Fußballspielen!!) stirbt, bricht alles mühsam Verdrängte wieder auf. Mascha, die aserbaidschanische Jüdin aus Deutschland, flieht nach Israel, um wieder Bodenunter die Füße zu bekommen. Aber welchen Boden, wo gehört sie, die fünfsprachige Dolmetschstudentin mit türkisch-französischen Vorfahren und internationalem Freundeskreis, hin?
Die Autorin erzählt die Geschichte aus der Perspektive Maschas unsentimental, kühl, nahezu gefühlstaub. Die große Leere im Inneren der Hauptfigur wird deutlich spürbar, vor allem im Kontrast zu den vielen kleinen, durchaus amüsanten Passagen in Rollenprosa (Gespräche mit Freunden, kulturelle Divergenzen im Alltag, Familienszenen usw.).
Der Roman ist zwar sprachlich durchaus ansprechend, die Konstruktion hingegen trägt nicht. Für mich als Leserin bleibt die Figur so seltsam fern, wie sie sich selbst ist. Die Botschaft hör ich wohl, ... allein sie berührt mich nicht. Eigentlich schade.
Rezensionen von Doris Moser:
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und von Jonasson Jonas
Wer den skurril-absurden Humor der Nordeuropäer (Paasilinna, Kaurismäki) mag, wird diesen Roman mit Genuss lesen
Ein Hundertjähriger büchst am Tag seines Geburtstags aus dem Altersheim aus, stielt einen Koffer mit Drogengeld, quartiert sich bei einem wildfremden Kleinganoven ein und flieht mit neuen Freunden, einem Elefanten und einem Hund durchs ländliche Südschweden, derweilen ihn die Polizei des dreifachen Mordes verdächtigt und nach ihm fahndet.
In diese Rahmenhandlung ist Allan Karlssons Lebensgeschichte eingebettet ? und die hat es in sich.
Allan Karlsson ist ein gutgläubiger, aber heillos naiver Kauz, ein ?tumber Tor?, der Zeitlebens eine Maxime verfolgt hat: allem Politischen aus dem Weg zu gehen. Was ihm aber gründlich misslungen ist: Als eine schwedische Version des Soldaten Schweijk taumelt Allan Karlsson durch die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, wie ein literarischer Cousin von Woody Allans Zelig diniert und parliert er ? absichtslos und zufällig ? mit den mächtigen Männern der Zeit (Franco, Truman, Stalin, Mao, Churchill, usw.) oder sprengt für sie Dinge in die Luft, finalisiert in Los Alamos die Atombombe, setzt Wladiwostok in Brand, trocknet die Tränen des elfjährigen Kim-Jong-il. Allan mag die Menschen, ungeachtet ihrer Verbrechen, ohne Ansehen der Person. Er will ihnen helfen, er tötet sie nicht ? zumindest nicht mit Absicht ? und gerät von einer merkwürdigen Situation in die nächste.
In der Absurdität von Allan Karlssons Abenteuern zeigt sich das große Absurde, das die Weltgeschichte ausmacht. Dass letztlich nichts so ist, wie es zu sein scheint ? im Politischen wie im Privaten ?, macht den wesentlichen Reiz dieses Buches aus. Jedenfalls ist es eine verlockende Vorstellung, unter den großen Erzählungen über historische Gegebenheiten und Schauplätze auch noch eine andere Geschichte der Mächtigen vorzufinden, getragen von naiven, hinterlistigen, gutherzigen und ein wenig dämlichen Nebencharakteren wie Allan Karlsson, die das Große und Monströse auf Augenhöhe bringen und in ein befreiendes (oder doch irres?) Gelächter stoßen. Wer den skurril-absurden Humor der Nordeuropäer (Paasilinna, Kaurismäki) mag, wird diesen Roman mit Genuss lesen: hochkomisch über weite Strecken, mit Witz und Verve geschrieben, gegen Ende hin lahmen Handlung und Witz und es kalauert, dass es weh tut.?
Rezensionen von Doris Moser:
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und von Jonasson Jonas
Fazit: eine provinzielle und biedere Angelegenheit
Ein verschrobener, langweiliger Protagonist,
eine sich mühsam entwickelnde Handlung, sprachlich einfallslos,
kompositorisch eindimensional. Natürlich kann man das zum Programm des
Romans erklären, indem man das Etikett "Pulp" vorschiebt (siehe
Klappentext). Doch das macht den Roman noch nicht zu einem gelungenen
Stück Gegenwartsliteratur.
Eine Pulpgroteske stelle ich mir
jedenfalls fetziger, trashiger und phantasiereicher vor. Fazit: eine
provinzielle und biedere Angelegenheit ungeachtet des Schauplatzes
Berlin. Soll uns herkömmliche Provinzler das trösten? Bitte nicht...
Rezensionen von Laszlo Zoltan:
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und von Jonasson Jonas
...in Summe fehlt dem Kern dieser Geschichte viel Substanz.
Man wähnt sich des Öfteren in einem schlechten Reiseführer von Berlin, wenn es darum geht, warum die U8 nicht fertig gestellt wurde. Als Nichtberliner kann man den vielen Wegbeschreibungen mit exakter Straßenbenennung ohne Stadtplan nicht folgen. Schafft das gar ein Berliner? Was würde es auch bringen?
Ansonsten erstaunt das unmoralische Leben des jungen Protagonisten ? er hat ein Téte á Téte mit der Freundin, deren Mutter und einer Prostituierten (!) - und lässt somit diesen Provinzroman auf kurzen Strecken humorvoll und unterhaltsam erscheinen.
Aber in Summe fehlt dem Kern dieser Geschichte viel Substanz. Das Lesen wird durch den unkonventionellen Stil, der die Interpunktion neu definiert, reichlich erschwert.
Rezensionen von Laszlo Zoltan:
Adams Erbe von Rosenfeld Astrid
Ein großes Lesevergnügen......
D
ie Autorin erzählt stilvoll eine Liebesgeschichte aus der NS-Zeit, in die sie sehr gekonnt feinen Humor einfließen lässt, so dass die Geschichte trotz der zu erahnenden Ausweglosigkeit nichts an gespannter Erwartung verliert.
Ein großes Lesevergnügen, ein gelungenes Debüt von Astrid Rosenfeld!
Rezensionen von Laszlo Zoltan:
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und von Jonasson Jonas
....fade und schleppende Geschichte......?
Jonasson verstand es ausgezeichnet, und dafür gebührt ihm ein großes Lob,
mich doch noch jung fühlen zu lassen. Ich fragte mich nämlich beim Lesen
immer wieder, ob ein bestimmtes Lebensalter notwendig ist, um in diese
teilweise fade und schleppende Geschichte eintauchen zu können. Vielleicht
liest sie sich im Alter der Protagonisten besser.
(Wenn es die betagten
Augen noch zulassen!) Außerdem fand ich einen enormen Unterschied der
Humorempfindung der Nordländer (Schweden) gegenüber der Südländer
(Österreich). Die Pisspantoffel ließen meine Mundwinkel nicht nach oben,
sondern angeekelt nach unten wandern.
Leider würde ich dieses Buch nicht weiter empfehlen, geschweige denn
jemandem schenken, ausgenommen als Mitbringsel zu einem privaten Essen, bei
dem dem Koch ein ausgesprochen schlechter Ruf vorauseilt.
Rezensionen von Laszlo Zoltan:
In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge
Humorvoll und mit einem ungeheuren exakten auf die Darsteller abgestimmten Stil, versteht Ruge es, den Leser durch seine Geschichte zu führen.
Eugen Ruge erzählt hier eine interessante Familiengeschichte über vier Generationen in der es natürlich im Wesentlichen um die Liebe geht.
Aber weniger um die zwischenmenschliche Liebe als eher um die Liebe zu einer politischen Richtung. Aus dieser anfänglichen Liebe heraus erleben die Protagonisten eine Weltreise über Mexiko, Russland und ins kommunistische Deutschland der Nachkriegszeit.
Wie bei Liebesgeschichten zweier Personen entwickelt sich hier die ungemein große Sympathie zum Hass.
Humorvoll und mit einem ungeheuren exakten auf die Darsteller abgestimmten Stil, versteht Ruge es, den Leser durch seine Geschichte zu führen.






