Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Eva Knezicek:
Der Sohn. von Durlacher Jessica
Dies ist ein sehr gutes, ein sehr grausames Buch
Sara Silverstein erlebt in dem Roman "Der Sohn" von Jessica Durlacher nach dem Tod ihres Vaters furchtbare Gewalt. Sie und ihre Familie werden zu Opfern, stehen entsetzlicher Brutalität vorerst machtlos gegenüber. Worte fehlen "Als sei die Unversehrbarkeit ein Grenzraum, der der Sprache den Zugang verwehrt"(S.
230), die Sprache endet - "Die Schändung der persönlichen Unversehrbarkeit lässt sich nicht mitteilen"(S.230). Erst im Verlauf des Buches zeigt sich die Verknüpfung mit der Vergangenheit ihrer Herkunftsfamilie.
Wie ist ein Leben nach dem Erleben von unglaublicher Gewalt möglich, in der Vergangenheit ihrer jüdischen Herkunftsfamilie, in der Gegenwart Saras Familie?
"Wie kann ich dieses Böse auf ein Format reduzieren, das nicht mehr meine ganze Brust ausfällt?"(S.347)
Eine tiefe Traurigkeit, ausgedrückt in klaren Sätzen, ist spürbar. Jessica Durlachers Sprache ist wie klares Wasser, aber es zu trinken lässt frieren; ihre Sprache ist eiskalt. Gefragt wird nach einem Weg, aus der Opferrolle heraus. Wie ist ein Widerstand möglich, heraus aus der Ohnmächtigkeit gegenüber der "disgrace"(S.361).Es ist die Geschichte einer Verarbeitung. Das Buch zeigt die Entwicklung eines Opfers aus seiner ohnmächtigen Hilflosigkeit zu einem aktiven Täter. Doch dieser Schritt gelingt einzig mit der Hilfe eines nicht involviertem Menschen. Ist dies ethisch zu rechtfertigen? Ist eine Tat jemals entschuldbar? Dazu ist nichts zu sagen, "...darüber werde ich mich nicht näher äußern."(S.381)
"Ich kämpfe mit Schatten aus einer Vergangenheit, die keiner mehr für lebendig und von Belang hält."(S.62) lässt die Autorin Sara sagen. Aber es geht um die prinzipielle Struktur von Gewalt. Um die Verwandlung eines Menschen zu einem Objekt der Gewalt, zu einem Insekt. Einem Tier, welches entfremdet, zum Objekt unter dem gnadenlosen Licht eines Stroboskopes wird. Dies ist ein sehr gutes, ein sehr grausames Buch. Es ist frei von Anklage, doch zerriss es mir das Herz und ich musste Pausen beim Lesen einlegen um mich wieder zu fassen.
Rezensionen von Eva Knezicek:
Er ist wieder da von Vermes Timur
Timur Vermes Buch ist eine eingehende Beschäftigung wert!
Jedes Buch hat seine Zeit, jede historische Auseinandersetzung mit der Geschichte seine Atmosphäre.
Die vergangene Zeit macht es wohl möglich, dass nun nicht mehr vorwiegend Bücher aus der Sichtweise der Opfer des Nationalsozialismus geschrieben und gelesen werden.
Im Roman "Er ist wieder da" von Timur Vermes, einem Autor mit jüdischen Wurzeln, geht es um die unmittelbare Auseinandersetzung mit den Gedanken des wiederauferstandenen Adolf Hitler.
Als Leserin werde ich mit einer Erzählperspektive in erster Person konfrontiert. Und diese erste Person ist Adolf Hitler. Viel unkomplizierter wäre doch die Opferperspektive! Aber Bücher sind immer auch Herausforderung, Konfrontation und Grenze.
Timur Vermes gelang es die Farbe der Sprache von Adolf Hitlers Buch "Mein Kampf" zu erfassen und wiederzugeben. Dies zieht die Schwierigkeit der Auseinandersetzung mit der Sprache seines Buches nach sich. Ich quälte mich stellenweise, seitenweise durch jenes Werk. All die abwegigen, furchtbaren Ideen und Gedanken von Adolf Hitler sind im Buch Timur Vermes enthalten - seine Einstellung zu Homosexualität S.150, zum Judentum S.130, zu psychischen Krankheiten S.103.
Aber es gelang Vermes durch das Nebeneinander von Nebensächlichkeiten, Banalitäten, Alltäglichkeiten und dem absolut Bösen, genau diesem Bösen die Furchtbarkeit zu nehmen.
Was spiegelt sich in diesem Kunstgriff, was spiegelt sich in der Struktur dieser Sprache?
Ich kann jenen, zur Anklage befugten Opfern, den ermordeten Opfern des Nationalsozialismus, nicht zuhören, den entkommenen, gequälten, ihrer Familien beraubten, bald auch nicht mehr, aber ich kann mich auseinandersetzen mit der Struktur die bleibt, die das Sein unterwandert und die Wirklichkeit immer wieder durchbricht.
Erschreckend wurde mir bei der zweiten Lektüre, dem nochmaligem Lesen des Buches bewusst, wie viel mein Verstand ausgeblendet hatte, was nicht möglich sein kann, nicht sein darf.
Timur Vermes Buch ist eine eingehende Beschäftigung wert, schließen möchte ich mit den Sätzen Wittgensteins
"4.121 Der Satz kann die logische Form nicht darstellen, sie spiegelt sich in ihm. Was sich in der Sprache spiegelt, kann sie nicht darstellen. Was sich in der Sprache ausdrückt, können wir nicht durch sie ausdrücken. Der Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit. Er weist sie auf." (aus Ludwig Wittgenstein "Tractatus logico-philosophicus" S.43)
Rezensionen von Eva Knezicek:
Polarrot von Patrick Tschan
?Der Autor vermag es, seine Leser ins Himmelreich der Phantasie verschwinden zu lassen, er zaubert famos Kulissen in die Köpfe seiner Leser.?
"Ich will das Leben."(Patrick Tschan"Polarrot",S.97) ist ein Satz von Jack Breiter, dem Protagonisten aus Patrick Tschans Roman "Polarrot". Im rasanten Tempo eines road movies darf ich ihn als Leserin begleiten, eile stellenweise seinem ehrgeizigen Streben nach Erfolg hinterher, wünsche dieser, moralisch nicht immer korrekt handelnden Romanfigur, oft mehr Glück.
Und immer wieder frage ich mit Elsie "Mein Gott Breiter, warum dieses Tempo?"(P.Tschan,S.257). Jack wächst einem ans Herz, ein derart unkorrekter Mensch wirkt wohltuend. "Polarrot" ist eine sehr lebendige Geschichte, es ist buntes Erleben, es "menschelt".
Breiter ordnet sein Leben mit der Aufteilung seines Geldes in "Kässelis". Auf Anraten von Vittorio, stellt er Behälter für die Einteilung seines verdienten Einkommens bereit. Diese begleiten ihn sein Leben lang, zeigen ihm vergessene, verlorene Wünsche, lehren ihn nicht alles auf eine Karte zu setzen. Aus dem "Hals-über-Kopf-handelnden", spontanen Taggenburger Jungen wird ein strategisch operierender Widerstandskämpfer. Oder ist er doch nur ein profitstrebender Menschenschmuggler? Ein Buch frei von Pathos !
Breiter fasst Boden, nachdem er den Boden durch seinen Aufenthalt im Konzentrationslager unter den Füssen verloren hat, nachdem er unzählige Schicksale erlebt, Grausamkeiten durchlebt hat. Ich nahm teil an Breiters flotten Leben, wurde mit ihm sesshaft, nahm seine Erschütterungen wahr, fasste mit ihm wieder Mut für neuerlichen Aufbruch.
Patrick Tschan vermag es seine Leser ins Himmelreich der Phantasie verschwinden zu lassen, er zaubert famos Kulissen in die Köpfe seiner Leser. Obwohl Jack Breiter letztendlich alleine durchs Leben gehen muss (vgl.P.Tschan,S.98), wurde eine Liebesgeschichte, voll verspielter Details, fein eingewebt.
Rezensionen von Harald Schellander:
Polarrot von Patrick Tschan
Die Zeit, die man sich durch das Nicht-Lesen erspart, kann jedenfalls besser genutzt werden.
Tiefenbohrungen über und unter Tage im Berlin knapp vor dem Mauerfall. Der junge, fesche Karsten Gruber gerät in die Redaktion des lokalen Blättchens im Märkischen Viertel, einem öden Stadtteil im Norden Berlins mit 40.000 von der U-Bahn abgeschnittenen Einwohnern.
Genau dieser Umstand wird zum Mittelpunkt abenteuerlicher Recherchen, bei denen nichts ausgespart bleibt: nicht Kartsens amouröse Abenteuer mit seiner alten Schulfreundin Simone, in deren Mutter er sich verliebt, nicht die seitenlangen Beschreibungen des Berliner U-Bahn- und (ja, das gibt es) Bergbaunetzes, nicht die ausführlichen und letztlich wenig informativen Schilderungen zur titelgebenden "Senatsreserve".
Vor allem aber - die Berliner Halbwelt. Deren Zuhälter und Prostituieren scheinen anfangs bloß schrullig, fast liebenswert, um dann immer mehr ihre brutale Seite zu zeigen.
Dass und wie Karsten und sein Reporterkolleg Martin letztlich dem Strudel entkommen, in den sie sich nichtsahnend und naiv hineinziehen ließen, ist billig wie das Ende eines C-Movies.
Dem Leser wird auf diesen 300 viel zu langen Seiten auch stilistisch einiges zugemutet, zum Beispiel oftmalige Wechsel ins Berlinerische oder der Wechsel der Erzähler-Perspektive. Die Zeit, die man sich durch das Nicht-Lesen erspart, kann jedenfalls besser genutzt werden.
Rezensionen von Harald Schellander:
Polarrot von Patrick Tschan
Den Begriff "Zeit" hat für mich noch kein Autor in so vielen unterschiedlichen Facetten so wortgewaltig geschildert.
Den Begriff "Zeit" hat für mich noch kein Autor in so vielen unterschiedlichen Facetten so wortgewaltig geschildert. Felix J. Palma gelingt es, in manchen Passagen atemlose Spannung zu erzeugen, in anderen wiederum durch detailgenaue Beschreibungen zu langweilen. Weil er dafür jede Menge Zeit braucht, erzählt er die Geschichte auf den letzten Seiten im Zeitraffer.
Zurück bleiben bei mir einige Fragezeichen. War der Roman den vielstündigen Lese-Aufwand wert? Würde ich mir Zeit für weitere Fortsetzungen nehmen? Wahrscheinlich schon, denn letztlich siegt bei mir doch immer die Neugierde.?
Rezensionen von Harald Schellander:
Massimo Marini von Rolf Dobelli
...das Kunststück, auch noch dem letzten Satz Sprengkraft zu verleihen!
?Den Rahmen für diese perfekt recherchierte, knapp und präzis geschriebene
Einwanderergeschichte bildet der Bau des Gotthard-Basistunnels.
Wie ein Mineur dringt Rolf Dobelli in die Seelentiefen der von ihm sehr plastisch
und mit viel Liebe zum Detail gearbeiteten Figuren vor. Es bleibt kein Stein
auf dem anderen, wenn der Ich-Erzähler in Gestalt eines (scheinbar
eigenschaftslosen) Rechtsanwaltes den Aufstieg, Erfolg und Fall seines
Klienten Massimo Marini, einem Mann mit vielen Eigenschaften, beschreibt.
Dieser Roman erreicht das Ausmaß einer antiken Tragödie, ohne jemals zu
langweilen oder zu belehren. Dobelli gelingt sogar das Kunststück, auch noch
dem letzten Satz Sprengkraft zu verleihen. Und dieser besteht aus bloß vier
Worten.?
Rezensionen von Harald Schellander:
Adams Erbe. von Rosenfeld Astrid
Vielen Dank für diese starke Geschichte, Frau Rosenfeld. Meine Hochachtung!
Was für ein Debüt! Ein Roman, der ins Herz, durch Mark und Bein geht. Lachen und Weinen, das liegt in dieser deutsch-jüdischen Familiengeschichte nah beieinander. Wunderbar, mit welcher sprachlichen Meisterschaft, vor allem auch in den Dialogen, Astrid Rosenfeld ihren Figuren Zeit und Raum zur Entfaltung gibt.
Die Liebe in Zeiten des Nazi-Terrors bis in die Gegenwart erweist sich als seltsames Spiel meist unerfüllter Hoffnungen, aufgelockert durch köstlichen jüdischen Humor, zugespitzt in den zutiefst bewegenden Szenen im Warschauer Ghetto und erlöst durch eine unglaublich berührende Tat. Vielen Dank für diese starke Geschichte, Frau Rosenfeld. Meine Hochachtung!
Rezensionen von Harald Schellander:
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand Roman . 29.08.2011. Hardback. von Jonasson Jonas
....pures Amusement.
Die Lügengeschichten des Barons Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen schauen dagegen echt alt aus: In seinem Romanerstling "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" lädt uns der schwedische Autor Jonas Jonasson zu einem Ritt - nein, nicht auf der Kanonenkugel - sondern auf der Atombombe ein.
Denn diese, so erfährt der staunende Leser, wurde eigentlich vom Titelhelden Allan Karlsson (mit)erfunden.
Aber das ist nur ein Erzählstrang dieser skurrilen Lebensgeschichte, die damit beginnt, das Alan an seinem hundertsten Geburtstag aus dem Altersheim flüchtet. Mich hat die unbändige Lust des Autos, immer wieder neue und noch überraschendere Situationen und Personen einzuführen, teils sehr erheitert, teils gequält, teils auch einschlafen lassen. Immerhin werden mehrere amerikanische Präsidenten, General Franco, Stalin, Mao und viele andere aufgeboten, um die Weltgeschichte umzuschreiben. Gleichzeitig gewann ich die Hauptpersonen und-tiere der Handlung so lieb, dass ich das Buch doch nicht weglegen konnte.
Das Durchhaltevermögen lohnt sich jedenfalls: Wie die sympathische Truppe, der auf der Flucht vor Gangstern, Polizei und Journalisten einige Todesfälle passieren, letztlich ihre eigene Lügengeschichte präsentiert und sich damit endgültig den Schlingen der Justiz entzieht, ist pures Amusement.
Rezensionen von Harald Schellander:
In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge
Mich konnte dieser Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte ...... nicht fesseln
Mit Preisen überhäuft wird Eugen Ruge für seinen Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichtes" - unter anderem mit dem "aspekte"-Preis für das beste deutschsprachige Erstlingswerk. Mich konnte dieser Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte, der sich - oft recht mühsam - über vier Generationen zieht, nicht fesseln.
Vielleicht lag es daran, dass ich Ruges Buch im Krankenstand las. Damals - es war mitten im Sommer - nahm ich mir vor, dem Werk später noch eine Chance zu geben. Dass ich es nicht tat, wird seine Gründe haben. Ich vertraue darauf, dass die Summe aller Meinungen der geschätzten Heyn-Leserunde diesem Debüt gerecht wird.
Rezensionen von Harald Schellander:
In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge
?...verdient mein ganz persönliches "Bravo!"
Diesmal ist es wirklich leicht mit der Kritik. Sie steht - erstaunlich genug - gleich auf den ersten Seiten des Debütromans "Der Russe ist einer, der Birken liebt" von Olga Grjasnowa, stammt vom Literaturjournalisten Elmar Krekeler, ist gut geschrieben und trifft den Kern des Werkes. Mit dem Verweis, dass dieser Buchbesprechung nichts mehr hinzuzufügen ist, könnte ich aufhören.
Tue ich aber nicht. Denn die Geschichte von Mascha, dem unerträglich ausführlich beschriebenen Tod ihres Freundes Elias und all dem, was in der Multikulti-Welt der Protagonistin danach noch passiert, verdient mein ganz persönliches "Bravo!" Ich würde Mascha so gerne die Ruhe gönnen, die sie sich in ihrem Leben wünscht. Dass ihr die Autorin, schon aus eigener leidvoller Erfahrung einer jüdischen Migrantin aus Aserbaidschan, diesen Wunsch nicht erfüllen kann, ist wegen des rasanten Stils und der vielfältigen Ereignisse letztlich ein Glück für den Leser.








