Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Harald Schellander:
Massimo Marini von Rolf Dobelli
...das Kunststück, auch noch dem letzten Satz Sprengkraft zu verleihen!
?Den Rahmen für diese perfekt recherchierte, knapp und präzis geschriebene
Einwanderergeschichte bildet der Bau des Gotthard-Basistunnels.
Wie ein Mineur dringt Rolf Dobelli in die Seelentiefen der von ihm sehr plastisch
und mit viel Liebe zum Detail gearbeiteten Figuren vor. Es bleibt kein Stein
auf dem anderen, wenn der Ich-Erzähler in Gestalt eines (scheinbar
eigenschaftslosen) Rechtsanwaltes den Aufstieg, Erfolg und Fall seines
Klienten Massimo Marini, einem Mann mit vielen Eigenschaften, beschreibt.
Dieser Roman erreicht das Ausmaß einer antiken Tragödie, ohne jemals zu
langweilen oder zu belehren. Dobelli gelingt sogar das Kunststück, auch noch
dem letzten Satz Sprengkraft zu verleihen. Und dieser besteht aus bloß vier
Worten.?
Rezensionen von Harald Schellander:
Adams Erbe. von Rosenfeld Astrid
Vielen Dank für diese starke Geschichte, Frau Rosenfeld. Meine Hochachtung!
Was für ein Debüt! Ein Roman, der ins Herz, durch Mark und Bein geht. Lachen und Weinen, das liegt in dieser deutsch-jüdischen Familiengeschichte nah beieinander. Wunderbar, mit welcher sprachlichen Meisterschaft, vor allem auch in den Dialogen, Astrid Rosenfeld ihren Figuren Zeit und Raum zur Entfaltung gibt.
Die Liebe in Zeiten des Nazi-Terrors bis in die Gegenwart erweist sich als seltsames Spiel meist unerfüllter Hoffnungen, aufgelockert durch köstlichen jüdischen Humor, zugespitzt in den zutiefst bewegenden Szenen im Warschauer Ghetto und erlöst durch eine unglaublich berührende Tat. Vielen Dank für diese starke Geschichte, Frau Rosenfeld. Meine Hochachtung!
Rezensionen von Harald Schellander:
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand Roman . 29.08.2011. Hardback. von Jonasson Jonas
....pures Amusement.
Die Lügengeschichten des Barons Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen schauen dagegen echt alt aus: In seinem Romanerstling "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" lädt uns der schwedische Autor Jonas Jonasson zu einem Ritt - nein, nicht auf der Kanonenkugel - sondern auf der Atombombe ein.
Denn diese, so erfährt der staunende Leser, wurde eigentlich vom Titelhelden Allan Karlsson (mit)erfunden.
Aber das ist nur ein Erzählstrang dieser skurrilen Lebensgeschichte, die damit beginnt, das Alan an seinem hundertsten Geburtstag aus dem Altersheim flüchtet. Mich hat die unbändige Lust des Autos, immer wieder neue und noch überraschendere Situationen und Personen einzuführen, teils sehr erheitert, teils gequält, teils auch einschlafen lassen. Immerhin werden mehrere amerikanische Präsidenten, General Franco, Stalin, Mao und viele andere aufgeboten, um die Weltgeschichte umzuschreiben. Gleichzeitig gewann ich die Hauptpersonen und-tiere der Handlung so lieb, dass ich das Buch doch nicht weglegen konnte.
Das Durchhaltevermögen lohnt sich jedenfalls: Wie die sympathische Truppe, der auf der Flucht vor Gangstern, Polizei und Journalisten einige Todesfälle passieren, letztlich ihre eigene Lügengeschichte präsentiert und sich damit endgültig den Schlingen der Justiz entzieht, ist pures Amusement.
Rezensionen von Harald Schellander:
In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge
Mich konnte dieser Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte ...... nicht fesseln
Mit Preisen überhäuft wird Eugen Ruge für seinen Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichtes" - unter anderem mit dem "aspekte"-Preis für das beste deutschsprachige Erstlingswerk. Mich konnte dieser Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte, der sich - oft recht mühsam - über vier Generationen zieht, nicht fesseln.
Vielleicht lag es daran, dass ich Ruges Buch im Krankenstand las. Damals - es war mitten im Sommer - nahm ich mir vor, dem Werk später noch eine Chance zu geben. Dass ich es nicht tat, wird seine Gründe haben. Ich vertraue darauf, dass die Summe aller Meinungen der geschätzten Heyn-Leserunde diesem Debüt gerecht wird.
Rezensionen von Harald Schellander:
Der Russe ist einer, der Birken liebt Gebunden. von Grjasnowa Olga
?...verdient mein ganz persönliches "Bravo!"
Diesmal ist es wirklich leicht mit der Kritik. Sie steht - erstaunlich genug - gleich auf den ersten Seiten des Debütromans "Der Russe ist einer, der Birken liebt" von Olga Grjasnowa, stammt vom Literaturjournalisten Elmar Krekeler, ist gut geschrieben und trifft den Kern des Werkes. Mit dem Verweis, dass dieser Buchbesprechung nichts mehr hinzuzufügen ist, könnte ich aufhören.
Tue ich aber nicht. Denn die Geschichte von Mascha, dem unerträglich ausführlich beschriebenen Tod ihres Freundes Elias und all dem, was in der Multikulti-Welt der Protagonistin danach noch passiert, verdient mein ganz persönliches "Bravo!" Ich würde Mascha so gerne die Ruhe gönnen, die sie sich in ihrem Leben wünscht. Dass ihr die Autorin, schon aus eigener leidvoller Erfahrung einer jüdischen Migrantin aus Aserbaidschan, diesen Wunsch nicht erfüllen kann, ist wegen des rasanten Stils und der vielfältigen Ereignisse letztlich ein Glück für den Leser.
Rezensionen von Harald Schellander:
Die Tigerfrau. von Obreht Téa
Bevölkert ist dieser Roman mit wunderbaren Figuren, deren Geschichten so unglaublich und so unglaublich gut geschrieben sind, dass die 26jährige Autorin um ihre Erfindungskraft zu beneiden ist.
Der domestizierte Tiger, der die Bombenangriffe auf die Stadt und ihren Zoo überlebt, lernt in der für ihn ungewohnten Freiheit schmerzvoll das Überleben.
Die taubstumme Frau, in ihrer Ehe und der Begrenztheit ihres Dorfes gefangen, wird zur Retterin und Gefährtin des Tigers und überlebt das nicht.
Téa Obreht lässt ihren Debütroman mitten im (Jugoslawien)Krieg auf vielen zeitlichen und räumlichen Ebenen spielen. Bevölkert ist dieser Roman mit wunderbaren Figuren, deren Geschichten so unglaublich und so unglaublich gut geschrieben sind, dass die 26jährige Autorin um ihre Erfindungskraft zu beneiden ist. Unvergesslich sind der Großvater, der Mann, der nicht sterben kann, oder der feinfühlige junge Musiker, der als brutaler Fleischhauer enden muss. Und natürlich: Der Tiger! Die Frau!
Am Ende verknüpft Téa Obreht alle Erzählstränge zu einem gordischen Knoten, den der Lesende lösen darf, wenn er kann. Die Fragezeichen können ruhig stehen bleiben, denn das verträgt dieses gelungene Realmystical durchaus.
Rezensionen von Harald Schellander:
Der Sohn. von Durlacher Jessica
Spannend und mit Engagement geschrieben, gut zu lesen und durchaus empfehlenswert!
Das ist kein Buch, über das man die Nasen rümpfen sollte! Zwar beginnt Jessica Durlacher ihren Roman "Der Sohn" mit der Schilderung eines Essens, bei dem die von ihrem Vater zubereiteten "heiligen" Kohlrouladen im Mittelpunkt stehen.
Doch schon auf den ersten Seiten lässt sie keinen Zweifel daran, dass Schlimmeres folgen wird.
"Ist Schicksal ein zu freundliches Wort für die Gewalt, der wir ausgesetzt wurden?" fragt die Ich-Erzählerin.
Tatsächlich kann der Leser kaum glauben, was dieser niederländischen Familie widerfährt. Wie in Zeitlupe und dadurch umso unerträglicher schildert Durlacher die brutalen Übergriffe. Wer dahinter steckt wird relativ bald klar, doch das Buch ist weit mehr als ein "How-has-done-it"-Krimi.
Über viele Jahrzehnte und Nebengeschichten erstreckt sich diese Familiengeschichte, die erst im Epilog ihren Ausgangs- und Drehpunkt offenbart.
Spannend und mit Engagement geschrieben, gut zu lesen und durchaus empfehlenswert!
Rezensionen von Harald Schellander:
Er ist wieder da von Vermes Timur
?Was anfangs verstörend wirkt, entpuppt sich mit Fortlauf der Handlung als genial.?
Eine Zu-Mutung
Mit diesem Buch mutet Helmut Zechner der Leserunde wieder einiges zu, dachte ich mir bei diesem Thema: Hitler kehrt in das Deutschland unserer Tage zurück und komisch soll das auch sein. Dementsprechend skeptisch und mit wenig Vorfreude schlug ich das Manuskript auf. Am Beginn muss sich der Leser den Trick gefallen lassen, dass Hitler im Alter seines Hinscheidens 2011 vom Himmel plumpst bzw.
aus der Hölle hochfährt (wohl auch deswegen riecht seine Uniform nach Benzin) und mehr oder weniger unbeschädigt auf einem unbebauten Grundstück mitten in Berlin landet. Das gesamte Geschehen wird aus Hitlers Blickwinkel in Ichform geschildert. Was anfangs verstörend wirkt, entpuppt sich mit Fortlauf der Handlung als genial. Wir sind in "seinem" Kopf und folgen seiner Denk- und seiner Sprechweise, die der Autor bis zur Unerträglichkeit beherrscht. Weil dem Romanpersonal natürlich nicht bekannt ist, dass "er" wirklich wieder da ist, wird Hitler sofort als Comedian eingestuft, der seine Rolle überaus perfekt zu spielen weiß. Was sich da an Verwicklungen ergibt, ist ebenso bestürzend wie - ja, ich muss es zugeben - teilweise zum Brüllen komisch. Doch das Lachen vergeht einem von Seite zu Seite, wenn klar wird, dass Hitler in unserer Gesellschaft wieder seinen Platz findet. Unglaublich geschickt weiß er die Macht der (neuen) Medien zu nutzen, die ihm zu einem rasanten Aufstieg verhelfen. Und wenn gegen Ende eine Verlegerin anruft, die kein Comedybuch mit "ihm" machen möchte, sondern eines, wo die Wahrheit drin steht, weil "der Führer keine Witze macht" und wenn "er" ungehindert wieder eine eigene Partei gründet kann, dann weiß ich mit dem Zuklappen des Manuskripts: Diese Zumutung ist notwendig.
Rezensionen von Harald Schellander:
Polarrot von Patrick Tschan
es lohnt, das Buch gleich ein zweites Mal zu lesen
Schon auf den ersten Seiten legt Patrick Tschan ein Tempo vor, das einem Hören und Sehen vergeht. Die Schilderung einer rasanten Kutschenfahrt durch das winterliche St. Moritz, die dazu führt, dass Champagner und Brustwarzen gefrieren, weist den Autor als Meister witziger Dialoge und gelungener Spannung aus.
Alle Motive des Romans webt Tschan gekonnt in das erste Kapitel ein: Aufstieg und Fall und neuerlicher Aufstieg des toggenburgischen Bauernsohns Jack, der einen Charakter besitzt, der ihn, wie Freund Willy meint, noch auf die Galeere bringen könnte (und im Lauf der Geschichte auch wird). Wie man selbst diesen Charakter in den Griff bekommt, weiß Vittorio, Chef de Service im Grandhotel St. Moritz: Er gibt Jack sechs Einmachgläser, die er als "Kässeli" (Kasse) verwenden soll - für Essen, Miete, Steuern, Kleidung, Träume, Überraschungen. Später wird Jack noch eine Kassa für "Mama" hinzufügen. Ein trotz allem liebenswerter Halunke ist dieser Jack/Jacques, der einfach leben und irgendwann ganz groß herauskommen möchte. Schwindeln und täuschen gehört dazu, an die richtigen und die ganz falschen Menschen geraten, hinfallen und wieder aufstehen. Das erzählt Tschan in so vielfältigen Variationen und mit so viel Gespür für die großen und kleinen Charaktere des Romans, dass es sich lohnt, das Buch gleich ein zweites Mal zu lesen. Ein Sittenbild der Schweiz zur Nazizeit, in dem letztlich auch die "Kässelis" für Träume und Überraschungen gefüllt werden.
Rezensionen von Marianne Schaffer-Schellander:
Polarrot von Patrick Tschan
Genial!
Über 700 Seiten lang Spannung aufrecht zu erhalten ist schon für sich genial. Diese in den letzten 100 Seiten aber noch zu steigern ist, als ob ich bei 37Grad Sommerhitze mein Lieblingseis verzehre und am Ende feststelle,dass der Hersteller noch eine zusätzliche Schokoschicht ins Eis gezaubert hat.










