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Das flüssige Land

Das flüssige Land /
Roman. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 (Longlist) und den Österreichischen Buchpreis 2019 (Longlist)

Autor: Raphaela Edelbauer

Deutsch
2019 - Klett-Cotta

Hardcover

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Inhalt

Kurztext / Annotation
"Raphaela Edelbauer überschreitet Grenzen und rückt in unerforschte Gebiete der Literatur vor."
Jurybegründung Rauriser Literaturpreis

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019

"Raphaela Edelbauer überschreitet Grenzen und rückt in unerforschte Gebiete der Literatur vor."
Jurybegründung Rauriser Literaturpreis

Ein Ort, der nicht gefunden werden will. Eine österreichische Gräfin, die über die Erinnerungen einer ganzen Gemeinde regiert. Ein Loch im Erdreich, das die Bewohner in die Tiefe zu reißen droht. In ihrem schwindelerregenden Debütroman geht Raphaela Edelbauer der verdrängten Geschichte auf den Grund.

Textauszug
Das Loch
war von unbekannter Tiefe, Verästelung und Feuchtigkeit. Es zog sich wie ein
unterirdisches Myzel unter den Bergkuppen und Siedlungen durch, brach in
Röhrchen und Netzen an die Oberfläche und schob kontinentaldriftartig das
nervöse Erdreich zu grobkörnig atmenden Halden zusammen, unter denen der
faulige, pilznetzige Verfallsprozess sich eingenistet hatte. Der einzige Segen
war, dass all das so unendlich langsam geschah, dass Generation um Generation sich
die Sorge darum aufgeteilt hatte - und man alibihalber jede Woche Beton in
Schächte kippen konnte und genug Zeit hatte, die zerbrechenden Fensterbretter,
die sich den Absenkungen geschlagen gegeben hatten, zu tauschen, bevor die
Kinder aus der Schule kamen.

Das Ende des Winters und die Schneeschmelze vor
ein paar Monaten hatten in kürzester Zeit die Hälfte der Stadt um über einen Meter
tiefer sinken lassen und die Straßen in einen so desolaten Zustand gebracht,
dass man beim Überqueren meinte, im Morast zu waten. Sämtliche Pflastersteine, die
den historischen Belag der Stadt bildeten, waren von den Absenkungen geradezu
fortgesprengt worden und lagen nun lose auf den Plätzen und Straßen. Zwar hatte
man zwischendurch immer wieder versucht, sie anzubetonieren, doch lösten sie sich,
sobald das Loch durch eine feuchte Nacht auch nur einen Millimeter absackte.
Ganzjährig herrschte akute Rutschgefahr: Wir alle waren Meister darin geworden,
uns dennoch fortzubewegen. Sogar die Greise, normalerweise kaum in der Lage,
auf festem Untergrund im Equilibrium zu bleiben, streckten versiert den
Gehstock von sich, als wären sie auf hohen Seilen unterwegs. Der Hauptplatz war
das Zentrum des Einbruchs: Auf ihm waren die Steine nicht bloß lose, sondern in
der Mitte geradewegs auf einen Haufen zusammengerutscht - trichterförmig fiel
er zum Bildnis des ehemaligen Erzengels hin ab. Dort unten, also am Tiefpunkt
der Parabel, hatte sich im vergangenen Monat der erste Durchbruch ins Bergwerk
ereignet. Dünn wie ein Nadelöhr erst, dann bald faust- und beindick. Ich sah diese
schwarze Leerstelle, von der ich durch meine Berechnungen wusste, dass sie über
der tiefsten Senke des Loches lag, täglich auf meinem Weg zur Arbeit, und
stellte mir vor, wie ein Stein, in diese Auslassung geworfen, hundertfünfzig
Meter in den Berg einfallen würde.

Fortbewegen konnte man sich über den
trichterförmigen Hauptplatz nur mehr auf seinem steinernen Pizzarand. Ich und
die anderen, die es dennoch tun mussten, schoben uns am schmalen Grat neben der
Häuserfront entlang, einander höflich, wie auf einer Einfahrt, den Vorrang lassend
- den Bekannten zuwinkend, wenn sie sich auf der gegenüberliegenden Seite des
Platzes an den Laternen entlanghangelten. Man stand auf derselben Struktur und
war einander dennoch unerreichbar. Ich schob mich mit dem Rücken zur Wand an
der Ostseite des Platzes vorbei, langsamer als sonst, weil um diese Zeit schon eine
Gruppe Volksschüler, vorne und hinten mit Seilen an die Lehrerinnen gespannt,
auf dem Weg zur Schule war. Trotz des desolaten Zustandes ihrer Stadt hatten
die Groß-Einländer frohen Mutes Blumenzwiebeln in die Pflanzkästen gesteckt,
deren ausbrechende Triebe sich nun in meinem Nacken rieben. Es fühlte sich an,
als wäre man stundenlang damit zugange, diesen Platz zu überqueren, dabei
dauerte es nur ein paar Minuten. Das vielleicht Merkwürdigste war überhaupt, wie
sehr der Rhythmus der Einbrüche sich auf das Zeitgefühl aller Groß-Einländer
übertrug: In Wochen, in denen die Einbrüche rasch vor sich gingen, schien die
Zeit zu rasen und man hatte kaum Gelegenheit, die vielen Veränderungen im
Ortsbild zu bemerken, sodass sich in wenigen Momenten die Verwitterung von Jahren
zu ereignen schien. Blieb aber alles konstant, so nahm der Fluss der Dinge fast
eine gewisse Zähigkeit an, und die Monate rollten in belangloser Indolenz über mich.
Ich bemerkte dann kaum, wie ein ganzer Herbst ver

Langtext
"Raphaela Edelbauer überschreitet Grenzen und rückt in unerforschte Gebiete der Literatur vor."
Jurybegründung Rauriser Literaturpreis

Ein Ort, der nicht gefunden werden will. Eine österreichische Gräfin, die über die Erinnerungen einer ganzen Gemeinde regiert. Ein Loch im Erdreich, das die Bewohner in die Tiefe zu reißen droht. In ihrem schwindelerregenden Debütroman geht Raphaela Edelbauer der verdrängten Geschichte auf den Grund.

Der Unfalltod ihrer Eltern stellt die Wiener Physikerin Ruth vor ein nahezu unlösbares Paradox. Ihre Eltern haben verfügt, im Ort ihrer Kindheit begraben zu werden, doch Groß-Einland verbirgt sich beharrlich vor den Blicken Fremder. Als Ruth endlich dort eintrifft, macht sie eine erstaunliche Entdeckung. Unter dem Ort erstreckt sich ein riesiger Hohlraum, der das Leben der Bewohner von Groß-Einland auf merkwürdige Weise zu bestimmen scheint. Überall finden sich versteckte Hinweise auf das Loch und seine wechselhafte Historie, doch keiner will darüber sprechen. Nicht einmal, als klar ist, dass die Statik des gesamten Ortes bedroht ist.

Wird das Schweigen von der einflussreichen Gräfin der Gemeinde gesteuert? Und welche Rolle spielt eigentlich Ruths eigene Familiengeschichte? Je stärker sie in die Verwicklungen Groß-Einlands zur Zeit des Nationalsozialismus dringt, desto vehementer bekommt Ruth den Widerstand der Bewohner zu spüren. Doch sie gräbt tiefer und ahnt bald, dass die geheimnisvollen Strukturen im Ort ohne die Geschichte des Loches nicht zu entschlüsseln sind.

Autor

Edelbauer, Raphaela Raphaela Edelbauer, geboren 1990 in Wien, wuchs im niederösterreichischen Hinterbrühl auf. Sie studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst, war Jahresstipendiatin des Deutschen Literaturfonds und wurde für ihr Werk »Entdecker. Eine Poetik« mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage 2018 ausgezeichnet. Beim Bachmannpreis in Klagenfurt gewann sie 2018 den Publikumspreis. 2019 wurde ihr der Theodor-Körner-Preis verliehen.

Buchdetails

Titel: Das flüssige Land
Untertitel:Roman. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 (Longlist) und den Österreichischen Buchpreis 2019 (Longlist)
Autor:Raphaela Edelbauer
Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsjahr:2019
Sprache:Deutsch
350 Seiten
212 mm x 136 mm
ISBN-13: 978-3-608-96436-3

Hardcover

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